Dresden – Prozess gegen Lina E.: Wie ein Linksradikaler zum Kronzeugen wurde

Finanzielle Starthilfe für ein neues Leben? Unterstützung bei der Job- und Wohnungssuche? Neue Identität? Johannes D. will über Derartiges nicht sprechen. Dass er – offensichtlich – im Zeugenschutzprogramm ist, räumt er ein. Acht speziell geschulte Polizisten bewachen ihn im Saal.

»Keine Absprache, keine Deals«

Doch der Richter lässt nicht locker, fragt weiter nach etwaigen Versprechungen, die ihm gemacht wurden. Schließlich sagt der Zeuge: »Es gibt keine Absprache, keine Deals.« Auch keine finanziellen Anreize. Er erhalte heute so viel Geld, wie er zuvor als Erzieher in Warschau verdient habe, 1500 Euro netto. Ihm seien auch keine Versprechungen hinsichtlich Strafverfahren gemacht worden, die gegen ihn selbst noch laufen. Dass das Ermittlungsverfahren wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung Anfang März eingestellt wurde, habe nichts mit seiner Kooperation mit den Behörden zu tun.

Seit nunmehr sechs Tagen spricht er vor Gericht über Interna der linksradikalen Szene . Johannes D. sagt an diesem Donnerstag, dass sie die Angriffe auf Neonazis »Projekte« nannten. Es habe einen »Pool an Leuten« gegeben, aus denen Mittäter rekrutiert wurden. Johann G. und Lina E. seien diejenigen gewesen, »die immer wieder Ideen oder Ziele herausgearbeitet haben«. Es ist Johannes D.s komplizierte Art zu reden. Johannes D. neigt dazu, mit sehr vielen Worten wenig zu sagen – und erst auf deutliche Nachfrage Klartext zu reden. Vielleicht, weil der Verräterkomplex noch immer greift.

Lina E. und Johann G. seien nach seiner Wahrnehmung diejenigen gewesen, die »den Hut auf hatten«. Er habe sie als gleichberechtigtes Paar erlebt. Johann G. sei ein impulsiver Typ, auch ein wenig schusselig, Lina E. hingegen »die Ruhe in Person«. Der Vorsitzende Richter hält ihm seine Aussage bei der Polizei vor: »Ich könnte nicht sagen, wer von den beiden wen radikalisiert hat.« Johannes D. bestätigt seine frühere Aussage. Er würde das heute noch genau so sagen.

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Zu dem inneren Kreis – er nennt ihn »Kreis 1« – um Lina E. und Johann G. zählt er, wenn auch zögerlich, die Mitangeklagten Lennart A. und Jannis R. Er selbst und der dritte Mann auf der Anklagebank, Philipp M., zählt er zum »Kreis 2«. Sie alle hätten sich als »etwas Besseres, als besonders« innerhalb der Szene betrachtet. »Man gehört jetzt zu den Krassen«, so habe es Philipp M. einmal formuliert.

Dieser kann irgendwann an diesem Tag nicht mehr an sich halten. »Du laberst so einen Müll«, fährt Philipp M. den Kronzeugen von der Anklagebank aus an. Seine Verteidigerin und sein Verteidiger bedeuten ihm, ruhig zu bleiben.

Dann erzählt Johannes D., dass sich Johann G., der Verlobte von Lina E., eine »129« auf den Arm tätowieren lassen hat. Die Zahl ist ein Verweis auf § 129 des Strafgesetzbuches, in dem es um kriminelle Vereinigungen geht.


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